Beispiel Kinderbetreuung: Strukturen und Leben in Butzbach neu denken.

Michael J. Mentz

Die SPD-Fraktion in der Butzbacher Stadtverordnetenversammlung hat in einer ganztägigen Klausur sowie in einer gemeinsamen Sitzung von Ortsvereinsvorstand und Fraktion über die Grundlagen der Fortentwicklung der Kindergartenbetreuung in unserer Stadt informiert und das weitere Vorgehen diskutiert.

Um die Infrastruktur unserer Heimatstadt Butzbach auch in Zeiten sich ändernder Rahmenbedingungen, zu denen auch ein angespannter Gemeindehaushalt zu zählen ist, nicht nur zu bewahren, sondern um die Grundlagen für unser gemeinschaftliches Zusammenleben gezielt optimieren zu können, werden wir zukünftig in Butzbach neue Wege denken und entwickeln müssen, stellte der SPD- Vorsitzende Michael J. Mentz fest.

„Wir müssen also die wegen der unumgänglichen Konsolidierung des städtischen Haushaltes nur noch in geringerem Umfang zur Gestaltung unseres Gemeinwesens verfügbaren öffentlichen Mittel intelligenter einsetzen und zugleich unter Berücksichtigung sich ändernder Rahmenbedingungen klügere Versorgungsstrukturen entwickeln“.

 

Michael J. Mentz zitierte zunächst zwei grundsätzliche Erkenntnisse, die auch für den Prozess der Fortentwicklung der Butzbacher Kindergartenlandschaft Beachtung finden sollten:

„Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf.“ ( Willy Brandt)

Drastischer formuliert Erich Fried: „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“

In der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Kultur und Soziales vom 16.1 2012 wurden die Ausschussmitglieder und eine interessierte Öffentlichkeit eingehend darüber informiert, dass die Zahlen der Butzbacher Kinder, die unsere Kindergärten besuchen, signifikant sinken, insbesondere ein Ansteigen der Kinderzahlen kurzfristig nicht zu erwarten ist. Auch wurden die Wanderbewegungen der Kindergartenkinder zwischen den einzelnen Ortsteilen sowie außerorts dargestellt.

Die flächendeckend – wenn auch unterschiedlich – abnehmende Zahl von Geburten bedeutet aber auch zugleich, dass immer weniger Kinder in einem Familienverband aufwachsen, in dem sie von und mit Geschwisterkindern lernen und sich dabei weiterentwickeln können. D.h., der Qualität der frühkindlichen Förderung im Kindergarten kommt eine zunehmend größere Bedeutung zu.

Dieser Anforderung entsprechen nach Einschätzung der SPD die bisher bekannten Überlegungen zur Fortschreibung des Butzbacher Kindergartenbedarfsplanes, die sich an Qualitätsanforderungen des Hessischen Sozial- und Kultusministerium entwickelten Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren orientieren.

Die Forschung zur Qualität der Kinderbetreuung verdeutlicht, dass es sich hier um ein sehr komplexes Phänomen handelt:

Die Qualität eines bestimmten Angebots für ein einzelnes Kind hängt vom Zusammenspiel einer Vielzahl von Variablen ab.

Generell bedeutet eine hohe Qualität die ausbalancierte und positive Wechselwirkung optimal ausgeprägter Faktoren – ein „mehr“ an Ausbildung oder Berufserfahrung bei den Fachkräften, ein „mehr“ an Platzangebot oder Spielsachen, an Beschäftigung oder Anleitung, an Körperkontakt usw. bedeutet nicht notwendigerweise, dass Qualität zunimmt bzw. besser ist:

Das Maximum ist nicht gleichzusetzen mit dem Optimum. Bestrebungen zur Qualitätssicherung von Kinderbetreuung müssen dies berücksichtigen und das Zusammenspiel der verschiedenen Qualitätsdimensionen beachten.

Entscheidend ist z. B. nicht die Größe eines Kindergartens, sondern sind die Gruppengrößen in den Kindergärten. Gemäß dem Kindergarten-bedarfsplan werden in Butzbach keine „ Monsterkindergärten“ gebildet sondern zentrale Betreuungseinrichtungen mit nicht mehr als fünf Gruppen, die maximal 25 Kinder betreuen.

Eine an den individuellen Förderbedürfnissen orientierte Betreuung muss gewährleisten, dass die Förderung der Beziehung mit anderen Kindern mit vergleichbarem Entwicklungsstand erfolgt. Kindern muss dabei die Möglichkeit eingeräumt werden, mit anderen Gleichaltrigen in einer unterstützenden Umgebung unter Anleitung von Erwachsenen zu interagieren.

Das bedeutet, dass Kinder in pädagogischen Lerngruppen viel von einander lernen können und sollen.

Damit diese Lernvoraussetzung für Kinder mit unterschiedlichem Stand in der Persönlichkeitsentwicklung sichergestellt ist, hat Hessen in der Mindestverordnung für Kindertageseinrichtungen bestimmt, dass die Gruppengröße in Krippengruppen 8 bis 10 , in Gruppen bis zum vollendeten dritten Lebensjahr bis zu 15 , in Hortgruppen bis 20 und in Kindergartengruppen bis zu 25 Kinder betragen soll.

Durch diese Gruppengrößen soll den erhöhten Anforderungen im Bereich der frühkindlichen Bildung Rechnung getragen werden, in dem mehr Zeit für eine bessere und individuellere Förderung der Kinder zur Verfügung steht.

Demgemäß erklärt sich, dass in einigen Ortsteilen z. B. Ostheim, Münster, Ebersgöns und Fauerbach gegebenenfalls auch Griedel, in denen diese Kinderzahlen nach bisherigen Erkenntnissen zukünftig nicht mehr erreicht werden, der Fortbestand eines Kindergartens schon aus pädagogischen Gründen in Frage zu stellen ist. Auch nach der erneuten Überprüfung der von Eltern angezweifelten Kinderzahlen hat sich nur eine geringfügige Änderung ergeben, die aber keine andere Bewertung der Sachlage zuläßt.

Aber auch Bau- und Instandsetzungskosten sowie der im Vergleich zu Kindergärten mit mehreren Gruppen höhere Personalaufwand rechtfertigen die Konzentration der Kinderbetreuung in Butzbach auf neuzeitlichen den Anforderungen der Erziehungswissenschaft entsprechenden pädagogischen Schwerpunktzentren .

Zumal an diesen Standorten die vernetzte Arbeit mit Grundschulen als Qualität steigerndes Moment organisiert werden und auch die von den Eltern berufsbedingt erwünschte Betreuung bis in den späten Nach-mittag besser angeboten werden kann.

Zudem ist bei der Beurteilung der Auslastung unserer Kindergärten zu berücksichtigen, dass zunehmend mehr große Betriebe und Verwaltungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Arbeit Betriebskindergärten einrichten, die gut angenommen werden. Auch diese Entwicklung wird zu einem weiteren Absinken der in Butzbach zu betreuenden Kinder beitragen.

Also gilt es Abschied zu nehmen von gewohnten Strukturen.

Auch wenn laut Heinrich Mann die Gewohnheit ein Seil ist, bei dem wir jeden Tag einen Faden weben und wir schließlich glauben, dass Seil nicht mehr zerreißen zu können:

Im Interesse unserer Stadt wünscht sich die Butzbacher SPD, dass der Dialog um die Fortentwicklung der Kinderbetreuung sachbezogen und Ziel orientiert geführt wird.

Das gelingt leider – aber wir stehen ja erst am Anfang des Entscheidungsprozesses – nicht immer:

Wenn – so der SPD-Vorsitzende Mentz – in Leserbriefen in der Butzbacher Zeitung zu lesen sei, dass den Ortsteilen, in denen die Schließung des Kindergartens zu befürchten sei, der Ortsgemeinschaft das Herz herausgerissen werde, stellt dies seines Erachtens eine unangemessene Dramatisierung des Konfliktes dar.

In einem funktionierenden Organismus habe das Herz die Aufgabe, die Durchblutung aller lebenswichtigen Organe sicher zu stellen.

Diese Funktion könne es aber nur wahrnehmen, wenn sich genügend Blut im System befindet. Wenn also in einzelnen Ortsteilen nicht genügend Kinder leben, um das Kindeswohl gewährleistende Kindergärten zu betreiben, handele es sich allenfalls um eine Kreislaufschwäche, der mittels die Unterstützung durch Kindergärten in benachbarten Ortsteilen abgeholfen werden könne.

Die Struktur Butzbachs und seiner Ortsteile hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. So hat Butzbach viele wohnortnahe Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe verloren. Nach und nach gelingt es uns, Arbeitsplätze in anderen Sparten anzusiedeln.

In vielen Ortsteilen gibt es keinen Lebensmittelnahversorger mehr.

Auch verfügen nicht alle Ortsteile eine ärztliche Versorgung vor Ort. Gleichwohl haben unsere Butzbacher Ortsteile ihre Identität bewahrt und bereichern ihre Einwohnerinnen und Einwohner durch eine Vielzahl von gemeinschaftlichen Aktivitäten der Vereine und Kirchen. Beispielhaft seien hier genannt: Dorf- und Schlachtfeste, aber auch Kirmes und gemeinsame Ausflüge und Unternehmungen. Wichtig für die Bewahrung der dörflichen Identität als Hort der Geborgenheit sind also in erster Linie das Miteinander und die Begegnung der Menschen. Dabei kann die Dorfstruktur hilfreich sein – entscheidend ist sie nicht.

Außerdem hat sich die Mobilität verbessert, so dass die benachbarten Kindergärten – zum Teil mit Unterstützung der Stadt – für alle Kinder, wie bereits die Schulen, erreichbar bleiben. Wege von 2 Kilometer und mehr zum Kindergarten müssen jetzt schon viele Kinder in der Kernstadt bewältigen, ohne dass sie erkennbaren Schaden genommen haben.

Die Konzentration unserer Kinderbetreuung auf zentrale Einrichtungen ist deshalb pädagogisch wie auch fiskalisch „alternativlos“. Primäre Aufgabe von Politik ist es nämlich, Verantwortung für die Gemeinschaft unter den auch von ihr nicht selbst verursachten Rahmenbedingungen zu übernehmen.

Die Bürger unserer Stadt dürfen von den politisch Handelnden erwarten, dass diese auch in Zeiten knapper Ressourcen verbleibenden Gestaltungsspielräume erkennen und im Interesse der Stadtgemeinschaft nutzen. Die Butzbacher Sozialdemokraten werden dieser Erwartung auch bei der Fortentwicklung der Kindergartenlandschaft entsprechen.

Allen Beteiligten sollte bewusst sein, dass der Abschied von Gewohntem einen breiten Konsens benötigt, der nur herzustellen ist, wenn unter Hintanstellung von Einzelinteressen unsere gemeinsame Verpflichtung für die gesamte Stadt Butzbach Leitschnur unseres Handelns ist und bleibt.

Die Butzbacher Sozialdemokraten wissen auch in Zeiten knapper städtischer Finanzen um ihre Verantwortung für eine Zukunft bewahrende Fortentwicklung unserer Stadt.

Sie wissen zugleich um unsere Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Wir wollen unseren Kindern eine Stadt hinterlassen, die über die finanziellen Gestaltungsfreiräume verfügt, die zu einer zeitgemäßen Fortentwicklung unabdingbar sind.

Die Butzbacher Sozialdemokraten werden durch mutige Kreativität Ihrem aus dem der Kommunalwahl abzuleitenden Auftrag nachkommen und unsere Stadt Butzbach auch in Zeiten unzulänglicher Finanzausstattung liebens- und lebenswert erhalten. Alle Butzbacherinnen und Butzbacher sind bei diesem Prozess willkommen.

 

Michael J. Mentz

(Vorsitzender)